REDE ZUR ERÖFFNUNGSFEIER VON PROF. DR. ANTONIO LOPRIENO

Eröffnung Aarau, 28.8.2010

Sehr geehrter Herr Regierungsrat Hürzeler,
sehr geehrter Herr Stadtammann Dr. Guignard,
verehrte Freunde der Universität Basel,
liebe Kolleginnen und Kollegen


«Wissen bewegt uns» ist das Motto, das uns im Jubiläumsjahr begleitet. Und die Bewegung ist in diesem Falle auch ganz wörtlich gemeint. Die Universität Basel verlässt ihre angestammte Stadt und geht in die Region hinaus dorthin, wo ihr Ausstrahlung hinreicht, dorthin wo ihre Studierenden herkommen. Der Kanton Aargau und die Stadt Aarau sind dabei in vielerlei Hinsicht ein logisches Ziel. Ihre schöne Stadt ist die dritte Station, welche die Universität Basel seit Beginn des Jubiläumsjahres nach Liestal, Porrentruy und Solothurn besucht. Diese Reihenfolge ist nicht hierarchisch bestimmt, sondern lediglich dem Zufall der Terminplanung geschuldet. Der Kanton Aargau ist nämlich nach den Trägerkantonen der Universität Basel sowohl im Hinblick auf die Zahl der Studierenden als auch hinsichtlich des finanziellen Engagements einer der ganz wichtigen Pfeiler unserer Universität. Insbesondere im Bereich der Nanowissenschaften und der Archäologie sind Kanton und Universität durch enge Partnerschaft verbunden. 550 Jahre Universität Basel auch in Aarau zu feiern, ist somit ein Schritt, der sich uns aufdrängt.

Wollte man historisch argumentieren, so könnte man auf die unübersehbaren Verbindungen und Gemeinsamkeiten zwischen Rhein und Aare seit der provinzialrömischen Antike verweisen – intellektuelle Verbindungen die letzten Endes auch die Beteiligung gerade der Basler universitären Archäologie an der wissenschaftlichen Betreuung der Grabungen in Vindonissa nahelegen. Doch es sind letztlich nicht historische Gründe, die uns heute nach Aarau führen. Es ist vielmehr der Wunsch, diese uns nahe stehende Region anlässlich des 550. Geburtstags in das Fest des Wissens mit einzubeziehen, sie an der Reflexion über unsere Institution des Wissens, über ihre historische Rolle, aber vor allem über ihre gegenwärtige Rolle sowie über ihre künftigen Perspektiven teilhaben zu lassen.

Es geht letztlich darum, mit Ihnen als politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Akteuren, mit Ihnen als Zivilgesellschaft über das nachzudenken, was die Universität Basel, ihre Leistungsfähigkeit und ihre Reputation darstellen, wie die älteste Universität unseres Landes schliesslich wahrgenommen wird. Im modernen Sprachgebrauch heisst das, über die «Marke» Universität Basel nachzudenken.

Das ist bei uns in der Schweiz, aber auch generell in Europa eine noch ziemlich junge Idee. Historisch gesehen ist nämlich unsere akademische Kultur stärker auf die Disziplinen, auf die einzelnen Fächer ausgerichtet als auf die Universität als Institution des Wissens. In England ist man zuerst ein Absolvent von Oxford und dann erst ein Latinist oder einer Chemiker. In der Schweiz oder in einem anderen kontinentaleuropäischen Land ist es normalerweise umgekehrt. Man ist zuerst Latinist oder Chemiker, bevor man sich als Absolvent oder Absolventin der Universität Basel zum Primat der eigenen Universität bekennt.

Dies hat sich in den letzten Jahren aufgrund der tief greifenden Veränderungen in der nationalen und kontinentalen akademischen Kultur grundlegend geändert. Man kann ohne zu zögern behaupten, dass die Universität Basel in den letzten 50 Jahren einen grösseren Wandel durchgemacht hat als in den ganzen 500 Jahren zuvor. Die Universität als Ganzes hat dabei zunehmend einen höheren Stellenwert erhalten, der über die Fachgrenzen hinausgeht. Unser diesjähriges Jubiläum nimmt diesen kulturellen Wandel auf und sucht ihn zu verstärken und deshalb die Identität der Universität zu festigen. Die an den Veranstaltungen beteiligten Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Studierenden spüren das grosse Interesse am breiten Wissensspektrum der Universität am direktesten und tragen mit ihrem Engagement wesentlich zur Festigung des Erscheinungsbildes nicht nur ihrer akademischen Disziplin, sondern der gesamten Institution bei.

Aber unser Jubiläum will darüber hinausgehen. «Wissen bewegt uns» heisst unser Jubiläumsmotto. Warum? In der Vergangenheit wurde die Universität oft als ein Elfenbeinturm wahrgenommen, in dem die Wissenschaftler – und die männliche Form ist hier nicht zufällig gewählt – an ihren geheimnisvollen Forschungen arbeiten. Der oben skizzierte kulturelle Wandel in Richtung einer wichtigen Rolle für die Institution als Ganzes bewirkt auch, dass die Universität mit ihrem Wissen und ihrer Arbeit am Wissen vermehrt den gesellschaftlichen Kontakt sucht. Dies ist eine logische Konsequenz der ihr seit längerer Zeit zugestanden Autonomie der Entscheidungen. Aber Autonomie in den Entscheidungen bedeutet nicht Unabhängigkeit in der Verantwortung: Die Universität muss ihre Tätigkeit vor denen legitimieren, die mit ihren Steuern oder ihrer freiwilligen Unterstützung die Wissenschaft, d.h. unsere Arbeit in Lehre und Forschung fördern. Berechenbarkeit und Transparenz ist eine der Forderungen, denen die Universität heute genügen muss. Die Universität ist nicht mehr eine Einrichtung des Staates, sondern sie ist eine Einrichtung der Gesellschaft, der sie ihr Tun begreiflich machen muss, der sie aber auch einen Spiegel vorhalten muss. Sie ist mit anderen Worten eine jener Einrichtungen, welche die Entwicklung der Gesellschaft im Sinne der Innovation und der Reflexion mittragen. Dies bringt es mit sich, dass sie eine wachsende Zahl von Stakeholders ins Blickfeld nehmen muss: Steuern zahlende Bürger, Schulen, Industrie, den Staat in seiner ganzen Komplexität, die Kultur.
Die Universität sieht es heute als ihre Aufgabe an, sich zu bewegen, Brücken zu jenen gesellschaftlichen Kreisen zu bauen, die Erwartungen an sie herantragen und ähnliche Ziele wie sie verfolgen. Die Universität versteht sich mit anderen Worten als wissenschaftlichen Arm einer gemeinsamen Gesellschaft, die in Bewegung ist wie das Wissen selbst.

Dies ist die tiefere Motivation für die Wahl unseres Mottos «Wissen bewegt uns». «Wissenmobil» ist darin ein Projekt, der geographischen Dynamisierung des Grundmottos, des Ausgreifens in die Region. Aarau ist einer der idealen Orte in unserer Region, um diese Dynamik sichtbar werden zu lassen. Historisch gesehen ist die Universität in der Stadt Basel verwurzelt. Aber die Region, in welcher die moderne Universität Basel sich vermehr heimisch sieht, macht ein Potenzial deutlich: Die Universität Basel hat in ihrer Arbeit am Wissen die Option, sowohl regional als auch interkulturell, sowohl lokal als auch international zu sein. Grenzen, seien sie kantonal oder national, seien sie kultureller oder sprachlicher Art, bilden letztlich für die Universität Basel kein Hindernis, sondern eine Herausforderung für die Zukunft. Darin liegt ohne Zweifel ein Paradigmenwechsel. Die Ausrichtung auf das lokale Umfeld ist eine historische Tradition, sie ist aber keine Option für eine erfolgreiche Zukunft. Es gäbe heute keine Universität Basel ohne die Studierenden des Kantons Aargau sowie der übrigen Schweizer Kantone. Es gäbe aber auch keine Universität Basel ohne die Beziehungen und die Zusammenarbeit über die Grenzen mit unseren Nachbarländern hinweg.

Dies ist mit ein Grund für unseren heutigen Besuch in Ihrer Kantonshauptstadt. Wir wollen Ihnen zeigen, dass wir Sie als einen Teil von uns wahrnehmen und dass wir Ihr Vertrauen verdienen. Unsere Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Studierenden haben lange daran gearbeitet, Ihnen zu zeigen, was die Universität zu leisten imstande ist und was sie den Studierenden und auch dem Kanton als gesellschaftlichem Gebilde zu bieten imstande ist. Ich danke von Herzen dem Herrn Regierungsrat und dem Herrn Stadtammann sowie ihren Mitarbeitenden, die diesen Besuch möglich gemacht haben. Und ich danke meinen Kolleginnen und Kollegen an der Universität Basel, insbesondere Herrn Hans Syfrig, Leiter unserer Öffentlichkeitsarbeit und Herrn Dr. Markus Diem, Leiter unserer Marketing-Abteilung für Ihr stetes Engagement.

Wir freuen uns und sind stolz, hier zu sein. Mit den modernen Verkehrsmitteln liegen Aarau und Basel eine halbe Stunde Wegs auseinander. Im Bereich des Wissens sind sie jedoch unmittelbare Nachbarn, die in der Überzeugung verbunden sind, dass Wissen uns nicht nur bewegt, sondern auch die Grundlage gesellschaftlicher Entwicklung ist. 

(Anmerkung: Es gilt das gesprochene Wort.)

 
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