REDE ZUR ERÖFFNUNGSFEIER VON DR. GUY MORIN - REGIERUNGSPRÄSIDENT DES KANTONS BASEL-STADT

Die Idee der Universität. Eine Reise nach Innen.

„Die Universität hat die Aufgabe, die Wahrheit in der Gemeinschaft von Forschern und Schülern zu suchen.“

Sehr verehrter Herr Bundesrat Leuenberger, Magnifizenz, Herr Rektor Loprieno,
Sehr verehrter Herr Landratspräsident,
sehr verehrte Frau Grossratspräsidentin,
Sehr verehrte Kolleginnen und Kollegen,
Sehr verehrte Professorinnen und Professoren,
sehr verehrte Studentinnen und Studenten,

liebe Festbesucher

550 Jahre Universität Basel: An diesem Festtag können wir auf eine Erfolgsgeschichte von 550 Jahren zurückblicken, die mit einer päpstlichen Bulle von Piccolomini beginnt. Oder wir können in die Zukunft schauen: wo soll unsere Universität in 10, 20 oder 30 Jahren stehen? Das werden die meisten Jubiläumsreden und – Schriften tun. Wir können auch einen anderen Weg einschlagen, den Blick nach Innen wenden und uns fragen: Was ist die Aufgabe der Universität? 

Die entsprechenden Bestimmungen im Staatsvertrag und im Leistungsauftrag für 2010 – 2013 sind nüchtern und sachlich.

„Die Universität ist eine Stätte der wissenschaftlichen Lehre, Forschung und Dienstleistung. Sie erfüllt ihre Aufgabe im Dienst der Allgemeinheit und achtet die Würde des Menschen und der Natur.“


Diese Zweckbestimmung im Staatsvertrag vom 27. Juni 2006 ist noch sehr allgemein. Im Leistungsauftrag der beiden Basler Halbkantone vom 28. April 2009 wird es konkret.
„Die Universität stärkt ihre Position und damit den Wissens-, Wirtschafts- und Kulturstandort Basel.
Sie soll sich auf die zwei Profilierungsbereiche „Life Sciences“ und „Kultur“ konzentrieren und diese sollen inhaltlich und strukturell definiert werden.

Die Universität stellt ihr auf Forschung gestütztes Wissen über die reguläre Lehre hinaus, Politik, Wirtschaft, öffentlichen Institutionen und Kultur zur Verfügung.“

Es geht also um Exzellenz, um Qualität, und das Ziel ist eine gute Position im weltweiten Ranking der Universitäten.

Es geht darum, das durch Forschung angeeignete Wissen zur Verfügung zu stellen und es geht um Wissensvermittlung. 

Es geht  um den Wissens-, Wirtschafts- und Kulturstandort Basel. Die Universität soll dazu beitragen, dass die Region Basel im internationalen Standortwettbewerb gut positioniert ist.

Nach dem Leistungsvertrag soll sich unsere Universität in den Bereichen Wissenschaft des Lebens (Life Sciences) und Kultur profilieren.

Basel ist ein führender Life Science Standort Europas. Und Basel ist eine attraktive Kulturstadt. Die Profilierungsbereiche unserer Universität sind also folgerichtig. Wettbewerb und  der wirtschaftliche Druck bestimmen die Politik immer mehr. In diesem kompetitiven Rahmen muss sich auch unsere Universität behaupten.

Das ist selbstverständlich nicht alles.

Denn was heisst beispielsweise: Life Sciene? Es bedeutet dies die Wissenschaft des Lebens, die Lehre des Lebens, das Wissen oder die Kenntnis des Lebens. Sie sehen, so vielfältig kann man Life Sciences übersetzen.

Oder etwa die Kultur: Dieser Bereich soll laut dem Leistungsauftrag weiter ausgestaltet und geklärt werden. Geht es um Kunst, Literatur, Medien, Sprachen, Ethnologie, Philosophie, Psychologie? Im Fokus der Kultur steht der Mensch, der seine Umwelt gestaltet. Vielleicht sind wir dem Zitat von Karl Jaspers zu Beginn meiner Rede näher als wir denken:

Der Psychiater und Philosoph Jasper schreibt in seinem Werk „Die Idee der Universität“ (1923): „Die Universität hat die Aufgabe, die Wahrheit in der Gemeinschaft von Forschern und Schülern zu suchen.“
Die Wahrheit suchen! Wahrlich ein hoher Anspruch. Dürfen wir Politiker diesen Auftrag unserer Universität auferlegen?

Nein. Sie selber soll sich aber diese ehrenvolle Aufgabe geben.

Magnifizenz, liebe Professorinnen und Professoren, liebe Studentinnen und Studenten

Nehmen sie sich also nicht zuwenig vor.

Systembiologie, Nano, Icones, Depressionen: es geht immer um eine bedingungslose Wahrheitsforschung. Die Universität ist dabei heute nicht mehr so alleine wie noch zu Jaspers Zeiten: Sie kooperiert mit den Fachhochschulen, mit den ETH’s, mit anderen Universitäten, mit der angewandten Forschung von Unternehmen.


Finanzkrise, Klimaerwärmung, Hunger in der Dritten Welt, der Aufprall der Kulturen: Wir brauchen Antworten auf solche drängenden Fragen.

Jaspers sagt dazu:

„Die Universität ist Ausdruck eines Volkes. Sie erstrebt Wahrheit, sie will der Menschheit dienen, Menschentum schlechthin repräsentieren. Darum gehört zwar jede Universität zu einem Volk, aber sie strebt Übernationales zu erfassen und zu verwirklichen.“
Sie will der Menschheit dienen, sagt Jaspers, ….im Dienst der Allgemeinheit wirken, steht im Staatsvertrag…. Sie stellt ihr Wissen Politik, Wirtschaft, den öffentlichen Institutionen und der Kultur zur Verfügung, so steht es im Leistungsauftrag.

Liebe Professoren, Professorinnen, Liebe Studentinnen, Liebe Studenten,

Sie dürfen sich also nicht in einen Elfenbeinturm zurückziehen. Sie müssen vielmehr ihre Tore öffnen. Eine Studentin geht noch einen Schritt weiter: Sie schreibt unter dem Titel: University goes to the City im Ideenpool zum Jubiläumsjahr 2010: „Wieso lädt die Universität für die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft immer zu sich ein? Wieso geht die Universität Basel nicht einmal hinaus zu den Leuten und lässt Vorlesungen, Seminare, Übungen in der Öffentlichkeit stattfinden?“

Sie hat recht. Jacob Burckhardt hat über Jahrzehnte in öffentlichen Vorträgen die Hauptinhalte seiner Lehre und Forschung verbreitet. Die Volkshochschule ist eine Errungenschaft des Generalstreiks zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Adolf Portmann, der Basler Biologe und Naturphilosoph, hat regelmässig Radiovorträge gehalten. Auch komplexe Sachverhalte müssen verständlich vermittelt werden können. Im Dialog mit den Leuten kommt die universitäre Lehre der Wahrheit einen Schritt näher.

Mit dem Profilierungsbereich Kultur kann die Verbindung zwischen Kunst und Wissenschaft belebt werden. Sie besteht in Basel seit dem Kauf des Ammerbach’schen Kabinetts 1661 durch die Stadt. Denn die öffentliche Kunstsammlung und alle Sammlungen unserer Museen sind seither Teil des Universitätsgutes. University goes to the museum ist mein Beitrag als Kulturminister zum Ideenpool des Jubiläums.

Politik, Wirtschaft und Kultur haben die durch Forschung gestützten Erkenntnisse dringend nötig. Der Weltklimabericht stellt den Versuch eines weltweiten Wahrheitskonsenses dar. Er wird heute wegen einzelnen Fehlinformationen oder Fehlinterpretationen zum Teil grundsätzlich in Frage gestellt. Dies ist bedenklich.

Der Weltklimabericht ist ein Beispiel einer bedingungslosen Wahrheitsforschung oder der drängenden Suche nach Wahrheit. Eine solche „Wahrheit“ ist niemals unumstösslich. Sie muss ständig revidiert werden. Aber es ist extrem wichtig, dass wir den Versuch eines Konsenses zur Frage der Klimaerwärmung und deren Folgen unternehmen.

Meine Damen und Herren,

Die Idee der Universität von Karl Jaspers, der Staatsvertrag und der Leistungsauftrag an die Basler alma mater sind nicht weit auseinander: Es geht um die Suche nach Wahrheit, um Erkenntnis des Lebens und der Kultur, um den Dienst an der Allgemeinheit oder der Menschheit. Wenn sie diese Ziele vor Augen haben, werden sich gute internationale Rankings von alleine einstellen. Mit diesem Ziel stärken sie unsere Region Basel umfassend. Dafür lohnt es sich zu investieren. Dafür lohnt es sich, Jubiläen zu begehen.

Denn, um hier abermals Jaspers zu zitieren:
„(Die Universität) ist eine Korporation mit Selbstverwaltung, ob sie nun die Mittel ihres Daseins durch Stiftungen, durch alten Besitz, durch den Staat, und ob sie ihre öffentliche Autorisierung durch päpstliche Bullen, kaiserliche Stiftungsbriefen oder landesstaatliche Akten hat……“

Egal also, ob durch eine päpstliche Bulle, wie vor 550 Jahren,  oder heute durch einen bikantonalen Staats- und Leistungsauftrag:

Die Universität ist frei, unabhängig und selbstverwaltet. Das sind die tragenden Pfeiler für das Erfolgsmodell der letzten 550 Jahre.


Jaspers sagt in seinem Buch „Die Idee der Universität“ auch, die Universität sei die Stätte an der sich Gesellschaft und Staat das hellste Bewusstsein ihres Zeitalters entfalten lassen. Die Aufgabe des Staates ist es dabei, günstige Rahmenbedingungen für die Freiheit der Forschung und Lehre zu schaffen: Dies tun BL und BS mit je rund 150 Millionen pro Jahr. 


An dieser Stelle nun gratuliere ich Ihnen im Namen des Regierungsrates des Kantons Basel-Stadt  zum 550. Geburtstag. Und ich versichere Ihnen, dass wir uns weiter bemühen werden Ihnen günstige Rahmenbedingungen für ihre verantwortungsvolle Aufgabe zu geben.

Besten Dank!

(Anmerkung: Es gilt das gesprochene Wort.)

 
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