REDE ZUR ERÖFFNUNGSFEIER VON BUNDESRAT MORITZ LEUENBERGER

550 Jahre.
Eigentlich ist es uns ja ganz und gar unmöglich, sich wirklich in die Welt hineinzudenken, in der die Gründer der Uni Basel vor über einem halben Jahrtausend lebten. Dank der wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften und Erkenntnisse ist unser Leben gegenüber demjenigen unserer Vorfahren doch ein ganz anderes geworden. Damals gab es keine Navigationssysteme, die uns per Handy bekannt geben, ob wir uns gerade im Kanton BL oder BS befinden. Heute gibt es nur noch ganz selten die Meinung, die Erde sei eine Scheibe. Doch die Menschen als solche, ihr Denken und Fühlen, ihr Mut und ihre Ängste, haben sich kaum verändert.

Als ich, im Hinblick auf heute, Schriften zur Reformation oder Edgar Bonjours Monographie zur Gründung der Uni Basel wälzte und mir die damaligen Vorbehalte gegen eine Universitätsgründung vorstellte, meldete sich mir unwillkürlich jene Parabel zurück, die ich schon damals, als ich hier in Basel zur Schule ging, zu enträtseln versuchte, das Höhlengleichnis von Platon:

Menschen sind in einer Höhle gefesselt und sie können nur die Schatten von einigen wenigen Geschehnissen in ihrem Rücken sehen. Diese verschwommenen Schatten, welche das Licht des Feuers an die Wand werfen, bedeuten ihnen die Welt und die Wahrheit. Sie wollen deshalb die Höhle gar nie verlassen und, wenn sie doch dazu gezwungen werden, haben sie grösste Mühe, sich an das Licht draussen zu gewöhnen. Sie erkennen dann aber nach und nach Konturen, einzelne Gegenstände, ja sogar die Sonne selber. Zurück in der Höhle müssen sie sich wieder an die Dunkelheit gewöhnen. Wenn sie dann den zurückgebliebenen Höhlenbewohnern  ihre Eindrücke der wahren Welt erzählen, halten diese sie für Geblendete mit „verdorbenen Augen“. Damit ihnen, den Zurückgebliebenen, nicht dasselbe Schicksal der Erleuchtung zukomme, ziehen sie es vor jeden umzubringen, der sie befreien und ans Tageslicht bringen wollte.

Die Bürger von Basel entschieden sich vor über einem halben Jahrtausend freiwillig für den wagemutigen Weg ans Licht. In einer Epoche, als Schriften über finstere Dämonen und schwarze Magie die Bestseller waren, wurde so ein Boden geschaffen, auf dem rationale Erkenntnisse Wurzeln schlagen konnte.

Wir wissen es heute: Die Gründung der Universität Basel barg den Keim der Reformation, der Aufklärung, der Demokratie.

Die Promotoren der Universität selber konnten die Folgen ihres Wirkens natürlich nicht voraussehen, weder im Einzelnen noch in den grossen gesellschaftspolitischen und religiösen Dimensionen. Dennoch ahnten sie, dass ihr Suchen die Menschen weiterbringen werde. Sie wollten zu neuen Ufern gelangen, neue Verknüpfungen der Wissenschaften entdecken, andere Wahrheiten kennen lernen und sie scheuten dabei nicht, dass sie zunächst geblendet würden.

Dies bedeutete für sie zunächst politischen Einsatz, also Überzeugungsarbeit, Lobbying und Marketing:

Zunächst musste der Papst gewonnen werden. Die Gründer ersuchten ihn um die Bewilligung für ein Generalstudium aller Fakultäten nach dem Muster von Bologna (noch heute sprechen wir ja deshalb von der Bolognareform).

Der Papst warb gerade in Mantua für einen Kreuzzug „contra perfidos  turcos“, ergriff also gewissermassen eine Initiative gegen Minarette. Als Gegenleistung erwartete er von den Baslern, dass sie sich ebenfalls mit einem Kontingent an diesem Kreuzzug beteiligen. Und so erlangten diese ihre lang ersehnte Bewilligung für eine Uni Basel mit der berühmten Begründung „auf dass die Geister erhellt werden mögen“.

Noch heute gedenken die Basler deshalb Eneo Silvio Piccolomini, dem späteren Pius II., mit dem Trommler- und Pfeiffermarsch „Piccolomini“,  und sie haben dafür eigens den Morgestraich zur Tradition erhoben.
(Ihre damalige Konzession an dessen Antiminarettskreuzzug sühnten sie im Jahre 2010 mit einem  Nein zu Minarettinitiative.)

Es gab damals aber auch eine Heimfront gegen eine Universität. Das waren konsequente Neinsager, die mit Fleiss nur die möglichen Nachteile jeder Öffnung nannten und dazu vorhandene Ängste vor dem Fremden und Neuen schürten. Dagegen hatten die Promotoren zu kämpfen. Sie hatten den Mut, nicht mit dem Strom zu schwimmen und sich nicht von den Umfragen auf dem Markt anstecken zu lassen. Sie standen zu ihrer inneren Überzeugung, argumentierten gegen die Vorurteile und Zweifel mit politischer Taktik. Sie unterstrichen also beispielsweise mögliche ökonomische Vorteile zugunsten der Öffnung: Dass Studenten Umsatz brächten, dass es gälte, Freiburg im Breisgau zu überflügeln, dass es auch um das Prestige ginge.

Doch bei allem taktischen Vorgehen und Argumentieren: Im Grunde leisteten sie, getrieben von neugieriger Aufbruchsstimmung, das Bekenntnis zur Öffnung, das Bekenntnis, aus dem Dunkeln zu treten, die Höhle zu verlassen, das Bekenntnis zur Universitas der Lehrenden und Lernenden, zur Verknüpfung aller Wissenschaften.

Licht blendet, Licht verblendet

Der damalige Mut zu einer Universität und die nachherigen Folgen ihrer Gründung brachten Freiheiten, Fortschritte und Erkenntnisse, von denen wir heute profitieren. Denken wir nur an die Meinungsäusserungsfreiheit (heute ist es ja unvorstellbar, dass jede Oper, jedes Theater oder jedes Buch systematisch zensuriert würde), denken wir an die Stellung der Frau, an die Durchlässigkeit gesellschaftlicher Schichten, an die – von der Forschung und Wissenschaft begünstigt - technologischen Entwicklungen.
Und doch ist es nicht so, dass das neue Licht der Vernunft die Menschen ohne Wenn und Aber in eine bessere Welt geführt hätte. Licht kann blenden und Licht kann verblenden. Kriege, Rassenverfolgung und Folter gab es seit dieser Zeit in allen Jahrhunderten, nicht nur im finsteren Mittelalter. Die Menschen selber haben sich trotz allem Bemühen um Vernunft kaum geändert.
Es ist auch nicht so, dass an der Universität jeden Tag ausschliesslich noch reinere Wahrheiten entdeckt und noch unumstösslichere Erkenntnisse entwickelt würden. Wir sind alle Menschen und unsere Arbeit, wo immer wir sie verrichten, ist auch von Gefühlen gesteuert. Es gibt auch in der Wissenschaft Modeströmungen, unbewusste Unterwürfigkeit unter Prämissen des Glaubens.
Und es gibt simple Irrtümer.

Die Gewissheit unserer Eltern, dass wir Kinder viel Spinat essen müssen, weil es darin besonders viel Eisen hat, beruhte auf einem Irrtum der Wissenschaft. Ein Forscher hat bei einer Messung ein Komma falsch gesetzt.

Die frühere Annahme, Frauen seien noch dümmer als Männer, weil sie nachweislich ein kleineres Hirn haben (100 Gramm leichter), musste aufgegeben werden. Wenn dem so wäre, würde die Welt ja von Gorillas oder Potwalen regiert.

Belassen wir es bei solch harmlosen Beispielen, wohl wissend, dass es viel grausamere und schändlichere gibt, wie die wissenschaftliche Rechtfertigung niederer und höherer Rassen, der Sklaverei oder der Folter.

So wie die Politik immer auch vom Horizont ihrer Vertreter, von ihrer Herkunft und ihrem Glauben geprägt ist, so folgt die Wissenschaft auch dem vorgegebenen Horizont, innerhalb dem sich Wissenschafter bewegen und über deren Grenzen sie sich gelegentlich so wenig bewusst sind, wie die Höhlenbewohner Platons.

Je differenzierter und spezialisierter die Wissenschaft, desto grösser die Gefahr des engen Höhlenblicks. Das ist an und für sich nicht schlimm. Wichtig ist nur, dass wir die Gefahr erkennen, denn wenn wir es wissen, können wir dem Verlust universellen Denkens begegnen.

In den Naturwissenschaften können komplexe Probleme nicht isoliert gelöst werden und so arbeiten in der Nanowissenschaft, die in Basel Weltruf geniesst, Chemiker, Biologen, Physiker, Informatiker und Ethiker eng zusammen.

Die Nachhaltigkeit kann nur interdisziplinär angegangen werden und entsprechend ist an der Universität Basel auch der Nachdiplom-Studiengang ausgestaltet.
 
Heute sind wir jedoch weit entfernt vom ursprünglich angestrebten studium generale, der Vernetzung aller Wissenschaften. Zu ihnen gehören nämlich nicht nur die Naturwissenschaften und die Wirtschaftslehren. Neben der Ökonomie gibt es auch noch andere Geisteswissenschaften, wie die Soziologie und die Psychologie (und die erschöpft sich nicht in der Behauptung, das Bankgeheimnis sei in der Schweizerischen Volksseele verwurzelt).

Dazu gehört auch die Theologie, welche eine Grundlage für den Dialog zwischen den Religionen und Kulturen bildet und uns zu aufgeklärter Auseinandersetzung befähigt und nicht nur zu dumpfen Reflexen und Aggressionen verleitet.

Dazu gehören auch all jenen Disziplinen der Geisteswissenschaften, die sich mit ethischem Verhalten und mit moralischen Normen befassen. Moral ist heute zu einem der Lächerlichkeit preisgegebenen Spottwort degradiert worden, obwohl sie ja einen völlig wertfreien Begriff bildet und einfach gesellschaftliche Normen ausserhalb des positiven Rechtes beschreibt.

Die Ökonomisierung aller Werte

Universelles Denken, die Vernetzung von Erkenntnissen, kann man selbstverständlich nicht nur von der Wissenschaft verlangen. Es ist in der Politik ebenso gefragt. Auch hier gilt immer häufiger weitgehend nur gerade die ökonomische Wertskala, der feste Glaube an die belebende Konkurrenz, das Gesetz des Marktes.

Die grosse Hoffnung in die Globalisierung, welche die Chancengleichheit für alle Erdbewohner in sich birgt, ist bis heute über weite Strecken zu einer ökonomischen Kolonialisierung des Planeten verkümmert. Wir sind zu Raubrittern gegenüber der Erde geworden. Das zeigt sich nicht nur in der Plünderung von Ressourcen  oder daran, dass jeden Tag eine Tier- oder Pflanzenart auf diesem Planeten verschwindet, sondern in praktisch allen gesellschaftlichen Sparten.

Freiheiten, welche die Aufklärung errang, drohen, einzig für wirtschaftliche Zwecke und kaum für ihren inneren und eigentlichen Gehalt genutzt zu werden, nämlich für den freien Willen, das heisst für die Freiwilligkeit als Beitrag an die Gemeinschaft und die Solidarität.

Medienfreiheit:
Sie darf nicht verkürzt werden auf blosse Wirtschaftsfreiheit, die in der Steigerung der Auflage besteht und sonst keinerlei inneren Gehalt oder Auftrag mehr kennt. Sonst verkommt eine der Säulen unserer Demokratie zu grossbuchstabiger Empörung, zu sonntägliche Häme. Sonst sinken liberale Leuchttürme in den Staub des Boulevards, statt dass sie  Aufklärung und Erhellung versuchen.

Lehr- und Forschungsfreiheit:
Wir müssen Sorge tragen, dass universitäres Schaffen nicht nur an Kriterien wie Effizienz, internationale Konkurrenzfähigkeit und Wirtschaftlichkeit gemessen wird. Angewandte Forschung muss auch für öffentliche Belange, z.B. für Raumplanung, Umwelt oder Verkehr, möglich sein. Die Partnerschaft einer Universität mit der öffentlichen Verwaltung scheitert immer häufiger an der Finanzierung. Auch was sich nicht kommerziell verwerten lässt, muss in der angewandten Forschung Platz haben.    

Die Bedeutung einer Universität liegt in ihrer Autonomie, nicht nur gegenüber der Politik, sondern auch gegenüber der Wirtschaft. Die Universität ist in erster Linie der Wissenschaft verpflichtet, der Bildung und der Erweiterung des Wissens, erst in zweiter Linie der Kommerzialisierung ihrer Erkenntnisse. Nur so wahrt die Universität ihre intellektuelle und ethische Identität. So kann sich denn das politische Bekenntnis zum Wert der Bildung nicht einfach damit begnügen, den Ausgabenzuwachs in Prozenten festzulegen. Vielmehr geht es um Inhalt, um Werte, um gesellschaftliche Verantwortung der Bildung.
 
Die Freiheit des Marktes:
Kapitalismus wird heute oft als kurzfristige Gewinnoptimierung karikiert. Kapitalismus ist aber durchaus dem Geiste der damaligen Universitätsgründung entsprungen und er ist eine Konsequenz der Reformation. Er birgt eine fundamentale Moral, wie ihn auch Rockefeller vertrat: Jeder Gewinn ist auch eine Verpflichtung. Nur wer in der Höhle geblieben ist und zur Weitsicht unfähig blieb, meint, er hätte einen Anspruch darauf, Steuergelder aus demokratischen Staaten in seiner Höhle zu hamstern, und, wie es Platon ausdrückte, jeden, der ihn, den Zurückgebliebenen, mit seinem Raffgut ans Tageslicht bringen will, „verdorbener Augen“ bezichtigt und ihn am liebsten umbringen möchte.

Die Höhle öffnen

Statt dass wir uns hinauswagten und Solidarität übten!

Eigeninteresse ist nicht der Motor einer nachhaltigen Entwicklung. Statt wirtschaftlicher Eroberung der Erde braucht es die Universitas, die universelle Offenheit des Geistes gegenüber Neuem.

Dazu braucht es auch Phantasie, damit wir neue Zusammenhänge zu entdecken vermögen. Dazu braucht es Vorstellungskraft und den Mut, an das Licht zu treten, auch wenn dieses uns zunächst in den Augen schmerzt.

Wir feiern heute den Geburtstag der Universität Basel in Liestal. Auch das ist eine – längst fällige - Öffnung. Vor 50 Jahren wäre sie so noch nicht möglich gewesen. Und wenn ich mich an meine Schulzeit zurück erinnere, wo  im Basler Marionettentheater der Teufel immer Zürichdeutsch sprach, muss sich sagen: Es ist eine wundervolle Öffnung, dass Sie einen Zürcher als Festredner akzeptieren.
 
Manchmal ist die Einstellung zu anderen leider mehr als ein traditioneller und ironischer Scherz. Ist denn diese unwürdige und abstruse Diskussion um Deutsche bei uns und speziell in unseren Universitäten mehr als das dumpfe Gemurmel von Wesen, die nur die Schatten ihrer eigenen Vorurteile zu erkennen vermögen? Eine ähnliche Diskussion gab es damals vor 550 Jahren auch, doch obsiegten die Kräfte, welche die Zuwanderung zum Wohle der Wissenschaft verstanden. Dazu hatten sie aber den Mut zu einer offenen Haltung. Das braucht es auch heute.

Der Bildungsbereich ist exemplarisch für eine solche Haltung. Was mit der Gründung der Uni Basel ihren Anfang nahm, mündete 450 Jahre später zu einer europaweiten Öffnung von Bildung und Wissen. Die menschliche Neugier und wissenschaftliche Erkenntnisse kennen längst keine Grenzen mehr.

Die Bolognareform wird als bürokratisch angeprangert. Nicht nur zu Unrecht. Die Verschulung und die Vernachlässigung der Künste verdienen berechtigte Kritik. Jede Reform ist permanent zu reformieren. Aber sehen wir doch auch, was die Öffnung bedeutet. Ein Studium kann in ganz Europa, in mehreren Ländern mit verschiedenen Sprachen und Kulturen absolviert werden. Das öffnet Fenster auf neue Strassen des Lebens, das erweitert Blickwinkel, das ermöglicht, die Welt in neuem Licht zu sehen.

Denn auch heute noch werden die Augen vor wissenschaftlichen Erkenntnissen hartnäckig verschlossen. Studien werden mit ein paar saloppen Sprüchen ins Lächerliche gezogen, ohne dass sie je gelesen wurden. Denken wir nur an das Wort „Klimalüge“.

Und was unser politisches Engagement betrifft: Immer noch hat die Schweiz Widerstände dagegen, die Architektur des europäischen Wohnhauses mitzugestalten. Welche Vernunft hat dies? Wir unterziehen uns europäischen Skizzen, doch die Architektur des Kontinents bauen wir nicht mit.

Die Frage, was eine Öffnung oder eine Mitgliedschaft in der EU bringt, ist gewiss legitim. Sie wurde ja vor 550 Jahren auch gestellt. Die damalige Antwort gilt noch heute: Die Öffnung des Geistes und die wirtschaftliche Entwicklung schliessen sich nicht aus, sondern sie bedingen sich, sie erst sind nachhaltig. Das EU-Forschungsprogramm hat uns auch rein wirtschaftliche sehr viel gebracht: (in der Periode 2007-2011 bezahlt die CH 170 Mio. den EU-Forschungsfond und holt 231 Mio. an Forschungsgeldern ab.)

Aber ebenso wichtig ist die Frage, was wir in eine globalisierte Welt mit ihren gigantischen Problemen, die auch unsere Probleme sind, einbringen können.

Der Beweis, dass eine solche Öffnung allen etwas bringt, hat die Gründung der Uni Basel vor 550 Jahren erbracht.

Es lohnt sich, die Höhle zu verlassen und in das Licht zu treten.

(Anmerkung: Es gilt das gesprochene Wort.)

 
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