- Dies Academicus 2010
- Editionen in Basel, 11.09. – 27.11.2010
- Kuba und die klassische Antike, 17.9 - 14.11.2010
- Festkonzert 2010, 18.10.2010
- Jubiläumsball 2010, 16.10.2010
- Tagung: Philosophie in Basel, 24.09.2010
- Fest der Wissenschaften, 17.09. - 19.09.2010
- Die Universität Basel zu Gast in Aarau, 28.08.2010
- Wissenskongress, 25.05. - 29.05.2010
- Die Universität Basel zu Gast in Solothurn, 29.05.2010
- Die Universität Basel zu Gast in Porrentruy, 08.05.2010
- Stadtführung zum Jubiläum der Universität Basel - Frauenstadtrundgang, 25.04.2010
- Ausstellungseröffnung: Schatzkammern der Universität, 25.04.2010
- Ausstellungseröffnung: Sammeln, sichten, sichtbar machen, 23.04.2010
- Markt des Wissens und Eröffnung in Liestal, 17./18.04.2010
REDE ZUR ERÖFFNUNGSFEIER VON URS WÜTHRICH-PELLOLI - REGIERUNGSPRÄSIDENT DES KANTONS BASEL-LANDSCHAFT
I AM TOMORROW’S FUTURE
Diesen selbstbewussten Ausspruch einer jungen Schwarzen aus einem Town Ship in Südafrika haben wir als Leitidee für die Roger Federer Foundation gewählt.
I am tomorrow’s future muss auch das Motto der heutigen Jubilarin, der Universität beider Basel sein - Auftrag und Anspruch, über die aktuellen Realitäten, Erkenntnisse, Sachzwänge und Machtverhältnisse hinaus Entwürfe für eine Zukunft in Frieden, Freiheit und Wohlstand für alle zu entwickeln, Entwürfe für eine Gesellschaft, in der alle Platz und Chancen haben.
Wenn ich Sie heute im Namen von Regierung, Parlament und Bevölkerung des Kantons Basel Landschaft ganz herzlich zum Auftakt der Jubiläumsfeierlichkeiten 550 Jahre Universität Basel in der Stadtkirche Liestal begrüssen darf, muss ich zugeben: Vor 50 Jahren waren Universität und Baselland wesentlich mutiger, zumindest wetterfester.
Der Abschluss der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 500-jährigen Bestehen der Universität Basel im Jahr 1960 fand im Römischen Theater Augst statt. Ein zahlreiches Publikum fand sich zur Freilichtaufführung von Menanders „Dyskolos“ ein, die der Festgemeinde vom Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft offeriert wurde. Die grosse Zuhörerschar, die in einem langen Extrazug nach Augst gekommen war und die Ränge des Theaters bis obenhin füllte, habe die Darbietung als ein eigentliches Geschenk empfunden. „Ein sinnigerer Abschluss des Basler Universitätsjubiläums von 1960 hätte sich kaum denken lassen“, meinte der Chronist des Jubiläums, der Basler Staatsarchivar Paul Roth. Ob die um 316 v.Chr. entstandene Komödie Dyskolos - zu deutsch der Griesgram - als Festspiel ausgewählt wurde, weil sich Universität und Stadt noch fast 50 Jahre grämen mussten bis zur Mitträgerschaft durch die Landschaft, entzieht sich meiner Kenntnis.
Was mich als Kulturminister an den Jubiläumsfeierlichkeiten von 1960 aber besonders beeindruckt, ist die Tatsache, dass der Kanton Basel-Landschaft der 3. Säule des Jubiläumsjahres, der Kultur, besonderen Raum bot - neben dem Kongress der Wissenschaften und dem Volksfest, die in der Stadt durchgeführt wurden. Heute käme ein solches Projekt kaum zustande, weil wir bekanntlich ohne Kulturleitbild und damit kulturpolitisch orientierungslos sind.
Heute darf ich mich mit Ihnen freuen, dass die Universität in ihrer ganzen Vielfalt nach Liestal gekommen ist. Das gewandelte Selbstverständnis der Universität und die gemeinsame Trägerschaft manifestieren sich an den Jubiläumsfeierlichkeiten 2010 durch die Tatsache, dass sich die Universität nach Liestal bewegt hat und hier für Bewegung sorgt.
Mit dem beeindruckenden Markt des Wissens, mit dem sie zeigen will, was die Forscherinnen und Forscher bewegt, mit dem sie in einen Dialog treten will mit der Bevölkerung - die Wissenschaft findet nicht mehr nur innerhalb der Mauern der Universität statt, nicht mehr als Kongress von Wissenschaftlern - geht die Universität hinaus auf die Strasse. Sie will die Faszination des forschenden Lernens in allgemein verständlichen Worten weiter tragen. Die Universität Basel positioniert sich als echte Volkshochschule. Mit diesem Going Public löst die Universität Basel den Anspruch ein, wie ihn diesen Karl Jaspers am 500 Jahr-Jubiläum 1960 in aller Deutlichkeit formuliert hat: Die Universität müsse sich für den Gang der Menschheit verantwortlich fühlen und dürfe sich deshalb nicht auf sich selbst zurückziehen. Der Universität sei zwar eine wunderbare Ruhe gegeben, die ihr vergönnte Windstille sei aber dazu da, dass die Universitätsangehörigen den Sturm des Weltgeschehens in ihren Herzen und Gedanken erführen, um ihn zu erkennen. Die Universität müsse den Schritt in die Öffentlichkeit wagen, denn: Was nicht in die Welt wirke, sei (…) heute zur Nichtigkeit verurteilt.
Dieser Appell ist von hoher Aktualität. Heute mehr denn je müssen alle Verantwortlichen Sorge tragen zu diesen Orten und Momenten der Ruhe, der Windstille. Der Rückzug in die Freiheit und der Freiraum des Denkens ist unverzichtbar, um in der Wissenschaft und in der Gesellschaft etwas zu bewegen. Es braucht Gestaltungsraum, damit Neues, Überraschendes entstehen kann. Ich plädiere für die Sicherung dieser Freiräume in der Überzeugung, dass sie unverzichtbare Voraussetzung für echte Innovation im Interesse der Zukunftssicherung von Gesellschaft und Wirtschaft sind. Indikatoren, Quartalsberichte, Benchmarks und Peer Reviews sind zweifellos nützliche, idealerweise aussagekräftige, im Spannungsfeld zwischen Politik und Universität unvermeidliche, aber immer unvollkommene Messwerkzeuge. Oder anders gesagt: Die Qualität und der Wert eines Gemäldes lassen sich nicht mit der chemischen Farbanalyse und dem Holzpreis des Rahmens bestimmen.
Aus aktuellem Anlass erwähne ich stellvertretend für alle spektakulären, bahnbrechenden und erfolgreichen Erkenntnisse, die in den Freiräumen der Universität Basel entwickelt wurden, die Arbeit des Oekonomen Edgar Salin. Unter seiner Leitung entwickelten Gewerkschafts- und Gewerbevertreter in der Krise der 1930er-Jahre gemeinsam ein staatliches Krisenbekämpfungs- und Beschäftigungsprogramm. Das Projekt sah eine Arbeitsbeschaffungsanleihe von mind. 8 Mio. Franken vor, hauptsächlich zur Finanzierung von Bauvorhaben. Um zögernde Anleger zu beruhigen, sollte eine Sondersteuer von 1% auf alle Erwerbseinkommen die Amortisation sichern - der so genannte Arbeitsrappen. Die Wirkungen des Basler Arbeitsrappens und seiner 2. Säule, der Gesamtarbeitsverträge, waren unmittelbar spürbar - Stichwort sozialer Friede - und reichten weit über die unmittelbare Krisenzeit hinaus - Stichwort Nachhaltigkeit. Sie sind heute noch sichtbar. Als Beispiel erwähne ich aus aktuellem Anlass das Kollegienhaus der Universität. Die Finanzdirektorin und der Finanzdirektor der beiden Basel wären sicher glücklich, wenn die universitären Grossprojekte der kommenden Jahre mit einem visionären Finanzierungsinstrument wie dem Arbeitsrappen finanziert werden könnten. Und nachdem die Rezepte von Keynes in den letzten Monaten ein beeindruckendes Comeback feierten, hätten sich wohl viele Staaten die Eingreifreserve aus Arbeitsrappen statt horrender Neuverschuldungen gewünscht.
Als Vertreter des Kantons Basel-Landschaft muss ich ein Kapitel der Universitätsgeschichte ansprechen, das beim verklärten Jubiläumsblick in den Rückspiegel vergessen werden könnte. Oft ist Wissen seiner Zeit voraus und die Zeitgenossen vermögen mit den Erkenntnissen nichts anzufangen. Den Forscher- und Lehrerpersönlichkeiten, die Grosses geleistet haben, bleibt die Anerkennung vor Ort versagt. Dies widerfuhr in Basel nicht nur Paracelsus. Eine solche Persönlichkeit war auch der Philosoph, Augenheilkundler und Neuropsychologe „avant la lettre“ Ignaz Paul Vital Troxler. 1804 hatte er als Erster klinisch-experimentell den Mechanismus des Ausblendens aus dem Gesichtsfeld dargestellt, einen Mechanismus, der als Troxler-Effekt in die Forschung zur visuellen Wahrnehmung eingegangen ist und den ich gelegentlich an Kommissions- und Parlamentssitzungen auszumachen meine. Nach Basel wurde Troxler auf Betreiben des nachmaligen Rektors De Wette berufen, weil Troxler neben der Forderung eines eidgenössischen medizinischen Staatsexamens auch ein Projekt einer schweizerischen Nationaluniversität entwickelt hatte. Von Troxler wurde erwartet, er könne durch seine intimen Kenntnisse der eidgenössischen Politik der ältesten Universität der Schweiz diese Position vermitteln. Das Vorhaben scheiterte bekanntlich kläglich. Die ETH steht in Zürich, wobei wir uns wenigstens ein Standbein nach Basel zurückgeholt haben. Zum Verhängnis wurde Troxler, dass er politisch in den falschen Kreisen verkehrte. Als er 1832, damals bereits Rektor, öffentlich zugunsten der aufbegehrenden Landschaft Basel aufrief und die Studenten aufforderte, zu studieren und sich nicht an der militärischen Auseinandersetzung zu beteiligen, war der Skandal in der Stadt perfekt. Als radikal-freisinniger Geist verliess er die Universität Basel und ging an die damals fortschrittlichere Universität Bern. Später war Troxler dank jahrelangen unnachgiebigen Argumentierens und Lobbyierens massgeblich dafür verantwortlich, dass unser parlamentarisches Zweikammersystems für die eidgenössichen Räte in der Bundesverfassung von 1848 verankert wurde.
Mit diesem Hinweis will ich in keiner Weise andeuten, dass irgendwelche Absichten bestehen, unseren Rektor wegzuloben - in der Meinung, dass der Aegyptologe in Bern für den dringenden Durchstich durch den Wisenberg lobbyieren müsste. Im Unterschied zu 1832 wird es in der Universität genauso wie in der Stadt heute ausserordentlich gern gesehen, wenn der Rektor der Universität Basel freundschaftliche und möglichst ergiebige Bande mit der Landschaft pflegt.
„Volk und Behörden“ von Baselland schenkten der Universität zur 500 Jahr-Feier 1960 nicht nur eine Theateraufführung, sondern auch 1 Mio. Franken. Man tat dies, weil man die Universität „in Dankbarkeit und Verehrung“ auch als seine alma mater betrachtete und weil man „den Mut und die untrügliche Gesinnung ehrte, mit der die Universität zu Basel zu allen Zeiten, auch in Not und Gefahr, die Freiheit des Geistes und die Unbestechlichkeit der Wahrheit und der Forschung hochgehalten und, gestützt auf eine opferbereite Bürgerschaft und fürsorgliche Behörden, ihre Dienste geleistet hat“, wie es in der Vergabungsurkunde heisst. „Möge das Jubiläum“, heisst es dort weiter, „der Anfang einer neuen Periode reicher Saat und Ernte im alten und guten Geiste sein“.
Die Saat musste dann noch etwas reifen bis zur gemeinsamen Trägerschaft durch die beiden Kantone. Die guten Wünsche, der grosse Respekt und das konsequente Bekenntnis zur „Freiheit des Geistes“ und zur „Unbestechlichkeit der Wahrheit“, wie sie vor 50 Jahren vom Kanton Basel-Landschaft proklamiert wurden, haben am heutigen Jubiläum unverändert Gültigkeit - genauso wie die Fürsorge der Behörden; ein Begriff, der in der Zwischenzeit durch Leistungsauftrag und Globalbudget abgelöst und konkretisiert wurde.
Gestärkt mit diesem Fundament und getragen vom Rückhalt in der Bevölkerung unserer Region - ein Rückhalt, den wir in unserem Jubiläumsjahr gemeinsam festigen wollen -, wünsche ich der Universität Basel im Namen des Regierungsrates des Kantons Basel-Landschaft ganz herzlich eine erfolgreiche Zukunft, zum Nutzen von uns allen.
(Anmerkung: Es gilt das gesprochene Wort.)
